[Schleswiger] [AP] [NTV] [Wirtschaftswoche] [AutoBild] [AutoMotorSport]
[Auftrag in Lettland] [Berliner Zeitung]

Militär-Auftrag in Lettland wurde zum Technik-Abenteuer
Montag, 12.02.2001

SCHLESWIG - Schaltpläne, Steckverbindungen, Kabelstränge, Elektroschränke mit all dem kennen sich Manfred Sankowski und Michael Jacobs bestens aus. Als sie jetzt jedoch einen 20 Jahre alten Rechner in Lettland installierten, war es doch etwas Besonderes. Bis nämlich der lettische Verteidigungsminister Girts Valdis Kristovskis die dazugehörige Simulationsanlage für die Minenjagd in Liepaja einweihen konnte, hatten sie manches graue Haar mehr. Der Militärauftrag wurde zu einem mehrwöchigen, nervenaufreibenden Technik-Abenteuer.

Im Rahmen eines Militärhilfeabkommens hat die Bundesmarine nicht nur ausgemusterte Minensucher der "Lindau-Klasse“ an das baltische Land abgegeben. Um die Soldaten für den Einsatz auf den Schiffen fit zu machen, benötigt die lettische Marine auch die entsprechende Simulationsanlage. Die stand bis Ende des vergangenen Jahres in Eckernförde, wurde abgebaut, verladen und mit mehreren Sattelschleppern ins Baltikum gebracht.
Da das Schleswiger Unternehmen "Scientific Electronic“ nach eigenen Angaben bundesweit das einzige ist, das derartige wehrtechnische Anlagen noch wartet, wurden auch Sankowski und sein Mitarbeiter Michael Jacobs für das Projekt dringend benötigt.

Ebenso problematisch wie der Transport - trotz Begleitung durch die lettische Militärpolizei landete ein Sattelschlepper im Straßengraben - war es für die beiden Schleswiger Fachleute, die Schaltschränke der Anlage zu installieren. Denn für hunderte Kabel, Klemmen und Kontakte gab es nach zwanzig Jahren im Einsatz und unzähligen Erweiterungen und Umbauten keine gültigen Schaltpläne mehr. "Ob die Anlage funktionieren würde, wussten wir vorher alle nicht“, erklärt Sankowski. Das galt für ihn und seinen Mitarbeiter wie für die Fachleute des Marinearsenals in Wilhelmshaven, die die Ausbildungsausstattung aufbauten.

Als die Sattelschlepper in dem altehrwürdigen, aber teils verfallenen Marinestützpunkt in Liepaja ankamen, galt es nach dem ersten Schock dem Unfall den zweiten zu verdauen. Ein Teil der Ausrüstung war bei dem Zwischenfall beschädigt worden. Ersatzteile mussten in Deutschland besorgt werden. Zeit verstrich. Die Räume, in denen die lettischen Soldaten einmal ausgebildet werden sollen, waren bei der Ankunft komplett leer. Die Vorbereitungen auf lettischer Seite waren durch die allgemeinen Versorgungsengpässe und fehlendes Geld frühzeitig steckengeblieben. Noch nicht einmal die undichten Türen und Fenster des Gebäudes waren ausgewechselt.

Zwei Wochen lang vertieften sich Sankowski und Elektroniker-Meister Jacobs dann in das Labyrinth von Leitungen, Anschlüssen und Elektrobauteilen. Sie bilden die Schnittstelle für alle Funktionen des Ausbildungsplatzes. Ohne die Rechner ist es unmöglich, Einsatzgebiete, Strömungen, Wetterbedingungen und Gesamtszenarien zu simulieren.

Das bedeutete 14-Stunden-Tage zum Teil unter primitivsten Bedingungen, nur unterbrochen von den Übernachtungen im Hotel.

Und als die Anlage endlich komplett aufgebaut und vernetzt war, sah es zunächst so aus, als sei der Einsatz vergebens gewesen. Denn beim ersten Einschalten der Anlage geschah gar nichts. Einen Fehler in dem Wust von Schaltungen und Kabeln auszumachen, wäre unmöglich gewesen, sagt Sankowski, der eine Woche über das Problem nachgrübelte, bis er endlich auf das entscheidende Netzwerkproblem stieß.
Nach vier Wochen endlich waren die drei Schaltschränke des Simulationsrechners, ein Sonarsystem, Druckertisch, Bedienkonsole und das Unterwasserfahrzeug zum Orten und Transportieren von Sprengladungen einsatzbereit. Das Abenteuer war beendet zumindest vorerst. Denn nach wie vor sind Sankowski und Jacobs die einzigen, die derart antiquierte Wehrtechnik noch zu warten wissen. (hg)